Bernhard Eder

Genre

Pop/Rock/Elektronik

aus

Wien

anhören:

Spielt am

Sonntag

Stagetime

(tba)

Stage

Hauptbühne

In einer grellbunten und lauten Welt, die zunehmend aus Effekthascherei und simplifizierter Einordung besteht, sind es die ruhigen und zurückgelehnten Zwischentöne, auf die man vornehmlich achten sollte. Der Wiener Vollblut- musiker Bernhard Eder versteht seine Kunst seit jeher als eine, die überlegt, reflektiert, Haken schlägt und sich weder inhaltlich, noch musikalisch vorschnell kategorisieren lässt. Er zitiert gerne aus dem Songbuch der großen Indie-Hel- den, mengt diesem Gestus aber stets eigene Farben bei, die ihn wohltuend aus dem Wulst der musikalischen Veröffentlichungen des Mitbewerbs herausstechen lassen. Das neueste Machwerk „Golden Days“ ist ein weiteres Musterbeispiel an Geduld und Ausgewogenheit. Nicht weniger als fünf Jahre hat der Künstler daran geschraubt und gefeilt, bis alle Zahnräder ineinandergriffen und die einzelnen Nuancen sich zu einem komprim- ierten Klangpaket verknüpfen ließen. Der eigene Perfektionismus und die sich rasant verändernden gesellschaftlichen Strömungen führten dazu, dass Eder immer wieder adaptierte und nachschliff. Hier eine neue Melodie, dort ein veränderter Text. Die Arrangements waren im Wandel, die Gedanken rotierten. Das fertige Endergebnis ist eine knapp einstündige Reise durch den Mikro- und Makrokosmos der Eder’schen Welt. Ähnlich seiner großen Idole, den Beatles, hat der Wiener mit seiner kundigen Band (Marlene Lacherstorfer, Julian Schneeberger, Ryan T. Carpenter, Max Perner) den Großteil der Songs in einem einzigen Raum aufgenommen. Im Studio 2 des Radiokulturhaus Wien entstanden so Lieder, die zwischen bittersüßer Fragilität und austreibendem Selbstbewusstsein mäandern und den Gemeinschaftsgedanken der einzelnen Musiker mit Stolz nach außen tragen. Gleich die Hälfte der Songs geht über die 5-Minuten-Marke und lässt sich ausreichend Zeit, um Spannung und Emotionen aufzubauen, anstatt sich dem Diktat der global schwindenden Aufmerksamkeitsspannen zu unterwerfen. Bereits im mit einem treibenden Drum-Beat ausgestatteten Opener „Touropa“ schwingt sich Eder in ungeahnte Falsett-Höhen und konterkariert mit seinem feinen Timbre den schweren Inhalt von einem Kontinent, der sich nicht mehr aus den Klammern seiner vielen Krisen befreien kann. Im letzten Drittel nimmt das Lied plötzlich eine psychedelische Drehung und nimmt voraus, was sich Eder auf „Golden Days“ öfters erlaubt – das Überraschungsmoment. So fügt er etwa im thematisch von der Flüchtlingskrise getragenen Track „In Greece“ zur Mitte ein Break ein, um den anfangs sommerlichen Sound in eine düstere, dystopische Richtung zu drehen. Auch das in Beatles-Manier vorgetragene „The Unbeauty Regime“ kritisiert die Diktatoren, Fake-News-Medien und Weltenzerstörer erst mit träumerischen Soundkaskaden samt Chor-Einlage, verwandelt sich zum Schluss hin aber zu einem dunklen Indie-Anti-Rechtsruck-Walzer, der mit zirkusartigen Klängen die Absurdität der aktuellen Weltpolitik karikiert. Wie auch bei „Along Alone“, eine gitarrenlastige Ode an die Isolation und Einsamkeit, hat Eder mehrmals am Text geschraubt, bis er seine Gedanken richtig eingeordnet wusste. „The golden days they have been gone / the golden days they have been sung“ heißt es im Titeltrack, der zunehmend an Tempo gewinnt und sich windet und dreht. Eder propagiert aufzustehen, sich nicht hängen zu lassen und nicht damit aufzugeben, einen Unterschied auf dieser Welt auszumachen. Es ist einer der wenigen wirklich optimistischen Momente dieses düsteren Albums. Das Artwork der Hamburger Künstlerin Tanja Roschat spiegelt die trüben Facetten der globalen Gegenwart perfekt wider. „Glorious Land“ startet mit sanfter Akustikgitarre und glockenheller Stimme, prangert die Pushbacks an den Grenzen von Ungarn und Serbien an und endet bewusst sperrig. Bis Eder am Ende sein gar nicht so geheimes Meisterstück aus dem Köcher zieht. „Nowayout“ ist eine zu Lied gewordene Parabel über Depressionen und Einsamkeit. Sieben Minuten voll geisterhafter Atmosphäre, kratziger Sanftheit und einem dissonanten Crescendo am Ende. Nein, es wird wohl nicht alles gut. Aber gut ist es, mit „Golden Days“ einen anschmiegsamen, ehrlichen Begleiter für die Düsternis des Lebens um sich zu haben. (Robert Fröwein)

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